snakekaplan hat geschrieben:Aber es scheint nur wenige zu interessieren, welche tatsächliche Bedeutung nicht klar definierte Wörtern in diesem oder jenem Kontext zugeschrieben wird,
bzw. scheinen ganze Industrie- und Berufszweige u.A. auch von solchen bewusst provozierten Missverständnissen zu leben.
Dem möchte ich widersprechen.

Zumindest für meine Leserinnen und Leser gilt zu einem nicht unwesentlichen Teil, dass sie das Thema sehr bewusst und differenziert betrachten – welche Position sie aus dieser Auseinandersetzung entwickeln, mag eine andere sein als Deine.
Was ist natürlich? Was ist Natur?
Auch eine klare Definition des Begriffs »Naturkosmetik« wird immer höchstens eine juristische sein können, denn Menschen treffen Definitionen aus ihrem eigenen Kontext heraus – auch dem Kontext ihres Wissens. Der Begriff »Natur« ist ein arg strapazierter, nicht nur von Seiten der Kosmetikindustrie, auch von Seiten derer, die in ihr eine neue Religion sehen und mangels naturwissenschaftlichen Wissens romantische Weltbilder entwickeln, in denen »die große Mutter« voll Liebe und Weisheit allen ewige Gesundheit verspricht, die sich mit Naturseife waschen, alte Kartoffelsorten essen und Socken aus ungefärbter Wolle tragen. Ich mag Naturseife und noch lieber alte Gemüsesorten, aber unzweifelhaft gehört zur Natur Altern, Krankheit und Tod. »Die Natur« zeigt sich in den grauen Strähnen beim Blick in den Spiegel, im Geruch unserer Achseln nach einem langen Tag, sie riecht nach Blumen und Früchten, nach Schweiß, Blut und Kot. Das alles ist Natur und nicht nur das, worauf wir sie so gerne reduzieren. Natur ist letztendlich das, was passiert, wenn man etwas sich selbst überlässt.
Ist es »Natur«, sich mit Pflanzenölen einzureiben? Hat »die Natur« vorgesehen, dass Menschen ihre Haut mit Sekreten aus den Talgdrüsen von Schafen oder einem lipidartigen Baustoff von Insekten behandeln? Das ließe sich tatsächlich bezweifeln: Sie produziert ihre eigenen Fette, Emulgatoren, Feuchthaltesubstanzen. Ein Blick ins Tierreich, dem wir rein biologisch zweifelsfrei angehören, offenbart, dass auch hochentwickelte Säugetiere keine Kosmetik verwenden. Der penetrante Geruch in einem Primatenhaus lässt ahnen, dass dies auch unsere Natur wäre, wenn wir … ja, wenn wir nicht zu Mitteln greifen würden, die u. a. reinigen, desodorieren, parfümieren. Primaten verwenden nicht einmal in der Natur vorkommende grenzflächenaktive Substanzen, sprich natürliche Tenside. Sie stinken. Sie altern. DAS ist Natur. Jeder Eingriff in diese Prozesse ist streng genommen einer, der natürliche Prozesse modifiziert. Nun kann man den Begriff »Natur« durchaus darauf beziehen, welche Verarbeitungsschritte eine Substanz erfahren hat, bis wir sie kosmetisch nutzen können. Lanolin gehört unter dieser Perspektive allerdings nicht mehr zu den natürlichen Stoffen, ebensowenig wie aufgereinigtes Bienenwachs. Beides sind Substanzen, die beinahe jedes Naturkosmetikbuch als Basisrohstoffe einer naturkosmetisch ausgerichteten Hautpflege postuliert – als natürliche Alternative zu den bösen, bösen Emulgatoren.
Ein kritischer Blick in diese speziellen naturkosmetisch orientierten Bücher zeigt auch, dass fast alle Salben und Balsame entzündungshemmende Pflanzenauszüge enthalten. Ist das schon jemandem aufgefallen? Da werden Entzündungen gehemmt, wo noch gar keine sind! Prophylaktisch sozusagen, denn: Entzündungen sind schlecht. Ich sage: Sie sind es erst einmal
nicht, ebensowenig wie Fieber. Beides sind natürliche Indikatoren für natürliche Prozesse, die wichtige Funktionen erfüllen. Der Mensch jedoch (vor allem der weibliche, ältere, der mit den alten Kartoffelsorten und den Socken aus handgestreichelter Schafwolle – so wie
ich)

meint, bereits im Vorfeld Entzündungen hemmen zu müssen. Natur? Ist das sinnvolle Kosmetik, die Wirkstoffe gegen Symptome enthält, die noch gar nicht aufgetreten sind?
So teile ich Deinen kritischen Blick, ja schärfe ihn noch, frage ganz provokativ: Ist Naturkosmetik in sich nicht schon ein Widerpruch? Wie kann etwas »Natur« sein, das in ihre Prozesse eingreift? Sollten wir nicht einfach alle akzeptieren, dass wir altern, stinken, dass unsere Haut im Alter ihre Funktionen nicht mehr erfüllen kann?
Und wenn wir sagen »Ja, wir akzeptieren Körperpflege«, wo beginnt eine pflegende Substanz, unnatürlich zu sein? Reicht es, wenn sie nicht verändert wurde? Was ist, wenn sie natürlich und unverändert ist, der Haut aber dennoch nicht gut tut, weil sie eben
mehr braucht als nur Öl?
Muss eine naturkosmetische Substanz zwingend natürlichen Ursprungs sein (auch wenn dies Monokulturen bedingt und die Zerstörung von Lebensraum für viele Organsismen)? Kann es ökologisch sinnvoller sein, eine Substanz zu synthetisieren, um natürliche Ressourcen zu schonen?
Du siehst: Es gibt viele Aspekte, die sich zu betrachten lohnen.

Das (und noch viel mehr) sind Aspekte, die ich, als Greenpeacer seit Studientagen, Tierversuchsgegnerin und Grüne der ersten Stunde seit vielen Jahren für mich immer wieder aufs Neue prüfe. Und ich bin garantiert nicht die einzige. Hier, gerade hier, darauf wette ich, gibt es sehr viele gebildete und intelligente Menschen, die ihr Tun täglich hinterfragen.
Umso mehr würde ich mich freuen, von deinem Konzept zu lesen.
