Liebe Estrella, als jemand, der selbst erkrankte Haut hat und sie seit einem Jahr mit Selbstgerührtem fest im Zaume hält, wage ich hiermit eine Antwort.
Letztlich geht es wirklich um die Inhaltsstoffe unserer pflanzlichen Fette und Wachse. Auch, wenn ich dies aufgrund rohstoffbedingter Schwankungen und nicht lückenlos eingeholter Zertifikate nur mit begrenzter Genauigkeit machen kann, berechne ich mir trotzdem stets das ungefähre Fettsäurespektrum meiner Produkte. Die Grundeigenschaften der Fettsäuren sind ja soweit bekannt, wobei sich in der Praxis erhebliche Schwankungen je nach konkretem Hautzustand ergeben können. Besonders manifeste Superinfektionen können die heile Fettsäurewelt mitunter Kopf stehen lassen, wenn man solche Dinge bei der Rezeptierung nicht ausreichend berücksichtigt. Da werden beruhigende juckreizlindernde Stoffe wie Gamma-Linolensäure auf einmal zum Juckreizverstärker.
Aber lasse Dich durch diese Worte nicht verunsichern, denn gerade bei Psoriasis, entnahm ich einer Studie, deren Lektüre allerdings schon wieder eine Weile her ist, produziert die Haut sogar noch mehr Defensine (=antimikrobielle Peptide) als im gesunden Zustand. Selbstverständlich wirst Du Deine Versuche anfangs so planen, als verhielten sich die eingesetzten Wirkstoffe restlos artig wie im Lehrbuch.
snakekaplan hat geschrieben:Nun, ich habe zu dem Aspekt folgende Erfahrung gemacht:
Niemand merkt so schnell, was gut tut oder verschlimmernd wirkt wie der Betroffene selbst.
Meine Empfehlung: Direkt an ihm ausprobieren / von ihm ausprobieren lassen bzw. mit ihm zusammen rühren. So ziehst Du dich auch ein Stück weit aus der Verantwortung, da Du ihn einbindest und bekommst viel direkteres Feedback.
Das ist absolut korrekt.
Als Betroffener, wenn auch nicht der Psoriasis sondern der atopischen Dermatitis (unbehandelt durchwegs schwerer Ausprägung, mit meinem aktuellen Pflegekonzept seit einem Jahr so gut wie erscheinungsfrei) kann ich ausdrücklich bestätigen, dass man - vor allem mit etwas Selbstbeobachtung - als Betroffener ein exzellentes Gespür entwickelt, was gut tut und was wie wirkt.
estrella hat geschrieben:Aber diese Abweichungen müssen doch einen Grund haben? Gibt es irgendwie medizinische Anhaltspunkte oder ev. Studien dazu?
Es gibt etliche Studien, die mit unsterblich gemachten (sprich: am programmierten Zelltod gehinderten) sogenannten HaCaT-Keratinozyten arbeiten, die im Labor kultiviert und dabei mit der jeweiligen Substanz (zum Beispiel einer Fettsäure) inkubiert werden, wie das so schön heißt. In einer Studie habe ich zum Beispiel gelesen, dass die Zellhüllen solcher Keratinzyten durch freie ungesättigte Fettsäuren beschädigt wurden - was ja einleuchtet, weil diese die Membran kräftig fluidisieren. Hier muss man aber wissen, dass derartige in vitro Experimente oft nicht mit dem Geschehen in der lebenden Haut übereinstimmen.
Keratinozyten nehmen in der Basalschicht essentielle Fettsäuren (Linol- und Alpha-Linolensäure) aus der Blutzirkulation auf, wofür es eigene Fettsäuretransporterproteine gibt. Da bringen sie den Keratinozyten aber nicht um sondern bereichern ihn und sind für sein physiologisches Funktionieren ganz unerlässlich.
Was ich damit sagen will:
Eine der schwierigsten Angelegenheiten beim Lesen (besondes in vitro durchgeführter) wissenschaftlicher Studien ist die Einschätzung ihrer Tragweite und Anwendbarkeit auf das lebende Objekt. Sehr gut funktioniert allerdings der Ansatz, sich von solchen Studien inspirieren zu lassen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten einfach auszutesten. So habe ich zum Beispiel die eigentlich in einer Psoriasis-Studie erwähnte Apoptose fördernde Wirkung von Ceramiden kennengelernt und damit experimentiert, sie entweder nicht oder eben doch in Lipodermin zu verkapseln, um sie möglichst tief in die Epidermis einzuschleusen.
Das Ergebnis war eine deutlich erkennbare Unterscheidung der Wirkungen: unverkapselt in der bekannten Schutzwirkung eher von außen. Verkapselt war es keine äußere Schutzschicht sondern eine Strukturveränderung meiner Haut selbst - irgendwie fester, kompakter, strapazierfähiger. Seither verkapsle ich die 3er-Ceramide ganz gezielt.
Der langen Rede kurzer Sinn: Mit ein paar Vorsichtsmaßnahmen, viel Neugier und dem Wissen um die Grenzen des eigenen Verständnisses sind Fachpublikationen ein kostbarer Quell von Anregungen - gerade auch für unser eigenes Selbstrühren und besonders, wenn es um die Pflege eines krankhaften Hauzustandes geht.
Um also die ursprüngliche Frage zu beantworten: Wie tausche ich Öle aus? Gar nicht. Ich arbeite nicht in dieser groben Einteilung. Du kannst es Dir wie eine Sammlung von Vorratsgefäßen denken, aus denne ich ein bisschen hiervon und ein wenig davon in meine Rezeptur gieße, bis sie genug von jeder Fettsäure, vom ätherischen Schwarzkümmelöl und so weiter enthält. Für Öle mit speziellen Wirkstoffen (Schwarzkümmelöl, Calophyllumöl, Amaranthöl wegen des Squalens, ...) ist natürlich schon die konkrete Dosierung des jeweiligen Öles wichtig, aber alles Andere spielt sich bei mir nur im Rahmen seines Beitrages zur inhaltsstofflichen Gesamtkonzeption ab. Die Verteilung der Fettsäuren ist davon ein selbstverständlich wesentlicher Teil.
In der Hoffnung, dass Dich sein Beitrag nicht allzu erschlagen hat, wünscht Dir eine gute Nacht
Harald
